Ich hasse Vorurteile, besonders über Männer, die haben’s eh schon schwer genug mit ihrem Schnupfen.

Samstag Nachmittag, die Sonne brennt, das letzte Mal als ich vor einem Supermarkt anstehen musste war 1988, es gab Bananen. DDR-Kinder erleben gerade ein Revival vom Leben auf engstem Raum. 60 Quadratmeter zwangsbeheimatet, der Balkon dient als Ruf zur Freiheit, und Verhaltensregeln für ein durchgeplantes Miteinander, um uns Kinder zur Volkstreue zu erziehen, damit schnellmöglich die Arbeiterklasse wieder tüchtig die Wirtschaft finanziert. Den Geist des damaligen Sozialismus im Kollektiv zusammenzuhalten, impft uns nun Corona flächendeckend ein. „Gemeinsam schaffen wir das“ tönt es aus Deutschlands Lautsprechern, der offensichtliche Zusammenhalt behält eine bittere Note. Öffentliches Niesen löst mittlerweile genauso viel Entsetzen aus wie die Oralattacke auf Bill Clinton.

Ich komme nicht umhin mich zu fragen: Wie gefährlich sind Vorurteile?

In Zeiten des physischen Abstandes bietet Corona das Potenzial, sich einmal mehr über mentale Beschränkungen hinweg zu setzen. Massiv ausgebremst entzieht uns Corona die Kontrolle über unseren Alltag, für eine gesunde innere Einstellung können wir dennoch sorgen. Zum einen, um verantwortungsbewusst mit unserer Gesundheit und die der anderen umzugehen, zum anderen, um damit aufzuhören vorwurfsvoll mit dem Finger auf andere zu zeigen. Werfen wir hierfür einen Blick auf unser Immunsystem. Heldenhaft kämpft es an vorderster Front gegen alles Unbekannte. Und wie sieht dieser Kampf aus? Es lädt den Neuling mutig zum Kaffee ein. Warum? Um sich besser kennenzulernen. Politisches Beschnuppern zur Erfassung des jeweiligen Systems. Man geht aufeinander zu, um im Nachhinein aufgestellt, Antikörper zu bilden. Eine simple Überlebenstaktik, die vorzugsweise mehr zum Frieden beiträgt als zum Krieg. Auf uns bezogen wäre das schonmal ein Schritt in die richtige Richtung, aufhören vor dem Fremden davon zu laufen, und uns stattdessen auf ein erstes gegenseitiges „Hallo“ einigen. Die Superwaffe hier heißt ‚Horizont‘, vervielfältigen wir diesen, verstehen wir was um uns herum passiert, und können verständnisvoller miteinander umgehen. „Motiviertes Denken“ fachsimpelt die Psychologie. Vorurteile hätten hier keine Spielwiese mehr.

Im Prinzip sind Vorurteile wie eine Viruserkrankung, ohne aufklärende Informationen verbreiten sie sich rasend schnell und vernichten alle gesunden Systeme. Furcht vor dem Unbekannten führt zur allgemeinen Abwehrhaltung gegenüber allem was sich außerhalb unserer Wohlfühlblase bewegt. Das was sich anders verhält, als wir es gewohnt sind, bedroht unsere große kleine Welt. Vieles betrachten wir lieber durch unsere Erwartungsbrille als mit dem Hammer der Vernunft. Das einzige das gegen Vorurteile und dem einhergehenden Hass hilft, ist Bildung und Aufklärung.

When you judge another, you don’t define them, you define yourself! ~Wayne Dyer~

Stimmt Wayne, „Judgement always flows in both directions“, ergänze ich. Die Ansichten über andere offenbaren eine Menge über den eigenen Charakter. Eine negative Einstellung ist ein Fingerzeig auf die Unzufriedenheit mit sich und seinem Leben. Es ist ein großartiger Spiegel einer persönlichen Diskrepanz, und zeigt exakt die Beziehung auf, die derjenige mit sich führt und sie auf andere projiziert.

All hate is insecurity. ~Peggy Gardot~

Beim bezahlen freue ich mich noch immer über die eingeführten Abstandsregeln an der Supermarktkasse. Unterstützend hinter mir stehen finde ich klasse, aber nicht in Warteschlangen. Ständig einen ungeduldigen Atem im Nacken zu spüren fand ich schon immer etwas störend. Das der Coronawahnsinn gleichzeitig sich zur wirksamen Verhaltensschule entwickelt hätte ich nie für möglich gehalten. Oder um Harald Lesch zu zitieren im Interview mit Teleschau: „Ich halte das, was passiert ist, für eine zivilisatorische Hochleistung. Wir fahren unser globales Wirtschaftssystem fast auf Null herunter, um unsere Gesundheitssysteme so zu schützen, dass Risikogruppen bestmöglich medizinisch behandelt werden können. Wir alle schützen Teile unserer Gesellschaft vor schweren Erkrankungen. Das tun wir gerade, und das ist eine tolle Sache.“ Bevor ich also voreingenommen sage „Manche Menschen lernen’s nie“ gehe ich lieber zuversichtlich über zum „lasst uns hier weiter machen und darauf aufbauen, gemeinsam, und möglichst vorurteilsfrei.“

Locker flockig puste ich Danköö für’s Vorbeischauen:) Tobt euch dazu gerne unten in den Kommentaren aus. Freu mich.

Eure Peggy Gardot

Header Picture: Photography/Art by Daria Shevtsova

8 Kommentare

  1. Wenn der Horizont zum einen auf nur sehr wenige Gradzahlen beschränkt ist und der Standpunkt sehr unbeweglich ist, ja, da hast du sehr gut beschrieben, wie schwer es ist, eine andere Perspektive zu gewinnen. Dann passt immer alles schön in den so lieb gewonnenen engen Rahmen…. sehr einfach und klar, da reicht das Lesen der Schlagzeilen und das Nachmittagsfernsehen aus…. 😉 Eine schöne Restwoche. Und ich habe zwar keinen Husten, aber ein Ziehen irgendwo…. also mehr als genug Sorgen.. 😂😂😂 (hervorragender Titel)

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  2. Ich kann irgendwie nicht mehr auf allen Seiten liken, hier gerade auch nicht, was ich aber im Kommentar gerne ausgiebig nachhole: ⭐️⭐️⭐️ Mir gefällt es, wie auf manchen Blogs gerade nicht nur gejammert, sondern über die Veränderungen und möglichen Konsequenzen nachgedacht wird. Gibt gute Anstöße, also vielen Dank!

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