Gone – Wenn Abschied zum Wandel wird.

Montag, nach Mitternacht, das Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung Verzweiflung „Es ist etwas schlimmes passiert,,..es tut mir so leid,,..Autounfall,,..tod,..Sonntag…..“ In die Ewigkeit gebrannte Worte, die nur vereinzelt den zähen Nebel der Fassungslosigkeit durchdringen können.

Ein Gefühl der Ohnmacht steigt auf, das Herz pocht bis zum Hals, alles dreht sich. Nein! Bitte, nein! Das kann nicht wahr sein! Nicht er! Sie begreift nicht was gerade passiert. Gelähmt in diesem Schock legt sie auf. Sie weint bitterlich. Stunden vergehen, draußen wird es langsam hell. Unbemerkt bricht ein neuer Tag an.

In mit Tränen gefüllte seelenlose Augen zu sehen spiegelt diesen Moment der Hoffnungslosigkeit als es ein gesprochenes und geschriebenes Wort je könnte. Einen geliebten Menschen zu verlieren, auf diese abrupte und tragische Weise, ist grausam, und nicht zu verkraften. Wochen später, während sie diese Zeilen nieder schreibt, steht sie nach wir vor neben sich. Ist Beobachter ihrer geisterhaften Gestalt, wie sie an ihrem Laptop sitzt, auf den Bildschirm starrt, mit den Fingern auf der Tastatur. Verloren zwischen dem Warum und dem Heute, versucht sie die unermüdlichen Gedankenfetzen einzuordnen. In ihr ist es still geworden, fehlt, ist heraus gerissen. Sie überlegt eine für sich geeignete Umschreibung. Ein Stern explodiert, zu einer Supernova, und kollabiert zu einem schwarzen Loch, welches alles um sich herum verschlingt. Genauso fühlt es sich an. Kollabiert, zu einem schwarzen Loch, das sich schleichend ausbreitet, tief in ihr drin. Kaum ein Tag vergeht an dem sie sich nicht windet, in einer Welle aus Schuldgefühlen, Machtlosigkeit und Traurigkeit. Diese Welle kommt und geht wann sie will, trifft sie heimtückisch, mit voller Wucht aus dem Nichts. In die Tiefe gerissen, ringt sie nach Luft, nach dem Oben, kämpft, sie muss, für ihre Tochter. „Das Leben geht immer weiter, aufgeben ist keine Option“, hat sie ‚früher‘ gesagt. Heute fühlen sich solche Motivationssprüche nur noch hohl an. Jeder Tag ist ein neuer Anfang, wenn man will. Sie geht den berühmten ‚Einen Schritt nach dem anderen‘. Abseits von der ‚Hall of Claims‘ versucht sie einen Weg zu finden, zurück zu ihrem neuen ‚Normal‘. Ihr Sarkasmus ist unterdessen ein notwendiges Überlebensbleibsel. Mit Verlust umzugehen ist nicht erlernbar, jeder trauert auf seine eigene Weise. Die Schritte die jeder für sich wählt gehören jedem allein.

Sie ist müde, braucht eine Pause…

Die Tage vergehen. Versunken sitzt sie vor ihrem Laptop. Die anfangs ‚weise Leinwand‘ füllt sich allmählig mit Leben. Sie selbst lebt nebenher, einen Tag nach dem anderen. Sie geht zur Arbeit, kommt nach Hause, Haushalt, Wäsche, Essen einkaufen, freundlich lächeln. Zweckmäßig funktioniert sie. Und seelisch? In einem kleinen Boot treibend, auf offenem Meer, allein.

Diesen Verlust zu begreifen fordert ihre ganze Aufmerksamkeit, bis sie eines Tages aufgibt und sich eingesteht, das Verlust als ein Teil des Daseins gnadenlos fort bestehen wird. Erkennen, das das akzeptieren veränderter Realitäten ein notwendiger Prozess ist um zu leben. Loslassen, schreibt sie, und bemerkt einen emotionsamputierten Charakter dahinter. Kann sein. Fühlen ist momentan nicht ihr Ding. Ist es nur die nächste Hürde durch die endlos langen Trauerphasen?

Vieles, in ihrem Leben stellt sie in Frage. Sie ist beinahe grausam zu sich, und sie weis das. Zerlegt und zerstückelt ihre Welt bis ins Detail. Abschied hat diese erschreckende und überwältigende Fähigkeit an den Grundfesten eines Jeden zu rütteln, bis gänzlich alles zusammenstürzt. Sie erinnert sich an ein Zitat das sie gelesen hat:

In ihren Grundfesten erschüttert werden Menschen vor allem dann,
wenn sie gerade auf nur einem Bein stehen. ~Autor unbekannt

Ist sie all die Jahre nur halbherzig durchs Leben gehumpelt? Durch diesen Schmerz des endgültigen Abschiedes, wird ihr klar, das ihre erste große Liebe, nach wie vor, all die Jahre tief verankert in ihrem Herzen war. Diese Bindung wird ein Leben lang bestehen bleiben, durch ihr gemeinsames Kind, ein bedeutendes Zeugnis von dem was einst gewesen ist. Was dieser schmerzhafte Verlust zumal für ihre Tochter bedeutet, wird für sie als Mutter, wie für andere, nicht annähernd zu verstehen sein. Verlust verändert, dauerhaft, es beeinflusst das Leben auf eine Weise, die sie als eine Transformation vom Ego zum Selbst notiert. Ironisch ist, das einzig im Verlust eine Art Potenzial zur Bewusstseinserweiterung und Erkenntnis steckt, die denjenigen auf das Kommende vorbereiten soll.

Ein einziger Telefonanruf, der in Sekunden alles veränderte. In ihren Händen seine Uhr, die Uhr, die sie ihm vor 18 Jahren geschenkt hatte. Er hatte sie, zu ihrer Verwunderung, all die Jahre nach der Trennung, aufbewahrt. Sie entdeckt die Gravur auf der Unterseite des Verschlusses: ‚Forever Love‘. Unter Tränen schaut sie zur Seite, auf das Foto, das sie und ihr gemeinsames Kind zeigt. Die Uhr und dieses gerahmte Bild, hat sie behalten, gefunden, in seinem Haus. Sie legt die Uhr zurück in die Box und schreckt zusammen. Aus dem Nichts realisiert sie den endgültigen Stand der Zeiger. 1:26 Uhr! Der Zeitpunkt, als es geschah. Der Zeitpunkt, als ihre Tochter ihren Vater verlor.

Eine Welle der Machtlosigkeit überkommt sie. Ihre Tränen nehmen ihr die Luft zum atmen. Erschöpft krümmt sie sich zusammen, hält sich fest, damit die übriggebliebene Hülle von ihr nicht auseinander fällt. Als sie später erwacht ist es Nacht. Ein Gedanke lässt sie nicht mehr los. Sie setzt sich rüber an ihren Laptop, und schreibt losgelöst die Worte, die sich in ihr, zu einer für sie befreienden Wahrheit zusammen gefunden haben:

Wenn Abschied zum Wandel wird, erfährt das Herz einen Zustand der sich zwischen dem Leben und dem Tod befindet. Einen Wandel hinweg von irdischer Begrenztheit. ~Peggy Gardot

Dedicated to Omar J. Walker ~ R.I.P. January, 12 2020

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